Die Abschlussprüfungen für Fachinformatiker müssen dringend überdacht werden

Hintergründe

Ich bilde bei KARL MAYER seit 3 Jahren Fachinformatiker aus. Diese Ausbildung ist eine duale Berufsausbildung in Informatik und inhaltlich durchaus vergleichbar mit einem Informatikstudium. Es geht nur nicht so tief wie im Studium und die ganzen mathematischen Inhalte, die im Studium doch einen erheblichen Raum einnehmen sind außen vorgelassen.

Die Abschlussprüfung am Ende der Ausbildung besteht aus einem schriftlichen Teil und einem praktischen Projekt mit Dokumentation und Projektpräsentationsprüfung (Fachgespräch). Insgesamt hat das Projekt mit Dokumentation und Präsentation einen Anteil von 50% der Abschlussprüfung – also einen sehr erheblichen Teil. Mit einem guten oder sehr guten Projekt lassen sich damit auch noch schwache schriftliche Prüfungsleistungen ausgleichen, so dass die Ausbildung bestanden werden kann.

Kann KI ein Fachinformatik-Prüfungsprojekt komplett durchführen?

Mich hat nun schon länger die Frage beschäftigt, ob mit modernen KI-Systemen ein solches prüfungsrelevantes Projekt bestehend aus praktischer Umsetzung (Softwareentwicklung), Projektdokumentation gemäß den Vorgaben der IHK und Erstellung des Foliensatzes für die Abschlusspräsentation/Fachgespräch komplett erzeugt werden kann und wenn ja, wie lange so etwas dauert.

Ich möchte die Antwort jetzt schon mal vorwegnehmen: „Ja, es geht.“ Und gleichzeitig möchte ich einen dringenden Apell an alle aktuell in Ausbildung befindlichen Fachinformatiker geben:

Ein fiktives Projekt zum Testen der KI-Fähigkeiten

Um die Fähigkeiten der KI zu testen, habe ich mir ein fiktives Projekt in einer fiktiven Firma ausgedacht. Die Projektbeschreibung sieht inhaltlich wie folgt aus:

Die Firma Karmaknit erstellt Softwarelösungen für Kunden. Dabei besteht das Gesamtsystem einer Softwarelösung aus mehreren einzelnen Softwarekomponenten.  Im Rahmen einer Systemfreigabe werden mehrere einzeln freigegebene Softwarekomponenten zu einem Gesamtsystem integriert und mit einer Freigabedokumentation ausgestattet. In dieser Dokumentation ist der Name des Systems, dessen Version, das Freigabedatum und die verantwortliche Person vermerkt. Zudem enthält eine Systemfreigabe eine Liste der darin enthaltenen Softwarekomponenten, auch jeweils mit Freigabeinformationen ähnlich denen des Gesamtsystems.

Bisher wurden diese Freigabedokumente mit Hilfe von Textverarbeitungsprogrammen erstellt. Im Rahmen des Projektes sollen diese Daten digitalisiert und mit Hilfe einer Web-Oberfläche erstellt und angezeigt werden können.

Eine solche Beschreibung ist typisch für ein Abschlussprojekt eines Fachinformatikers mit Fachrichtung Anwendungsentwicklung (Softwareentwicklung). Sie bildet die Grundlage des Tests.

Vorbereitungen

Neben der Projektdefinition habe ich weitere Projektrelevante Dinge in Textdateien (Markdown) dokumentiert. Hinzu kamen eine Beschreibung der gewünschten Dokumentenstruktur für die Projektdokumentation und eine Beschreibung der Codierrichtlinien.

Diese ganzen Textdokumente bildeten die Grundlage für das KI-System zur Umsetzung des Projekts.

Die Erstellung dieser Texte hat eine Stunde Aufwand in Anspruch genommen.

Durchführung des Tests

Ich habe den Test mit Anthropic Claude Code mit Sonnet 5.5 und der Stufe „Mittel“ durchgeführt. Basis waren lediglich die genannten Markdown-Dateien und ein erster Prompt:

Bitte die in specs/Projektauftrag.md beschriebene Aufgabe durchführen. Frage nach wenn etwas unklar ist!

Die Antwort des Systems lautete:

Die Aufgabe ist klar genug, ich lege los. Annahmen halte ich am Ende fest.

Nach etwa 10 Minuten lag das erste Ergebnis vor. Es gab eine lauffähige Softwareanwendung und eine erste Version der Dokumentation. Nach Durchsicht der Dokumentation fiel auf, dass manches noch etwas sehr stichpunktartig beschrieben war, also schärfte ich nach mit dem Prompt:

Bitte die Texte in der Dokumentation etwas ausführlicher machen. Manches ist zu kurz gehalten. Bitte etwas mehr Prosatext.

Nach kurzer Wartezeit war die Qualität der Dokumentation deutlich besser und entsprach eigentlich dem, was ich in den letzten Jahren von Auszubildenden auch gesehen hatte.

Nun wies ich noch die KI an ein Word-Dokument aus der zuvor als Markdown erzeugten Dokumentation zu machen und dann noch eine PowerPoint-Präsentation zu erstellen, die das Projekt präsentieren soll.

Diese Aufgabe zu Erfüllen dauerte weitere 5-10 Minuten und die gewünschten Arbeitsprodukte waren erstellt.

Die Ergebnisse

Die generierten Dokumente stelle ich hier zum Download bereit. Was ich hier nicht bereit stellen will sind die Eingabedaten, die ich geschrieben habe, da ich es Leuten, die es nachmachen wollen nicht zu einfach machen will.

In den generierten Dingen ist noch nicht alles zu 100% perfekt, aber ich glaube, dass auch schon dieser Stand mit kleinen Verbesserungen in der Vergangenheit gereicht hätte, um die Prüfung nicht zu schlecht abzuschließen.

Abbildung 1: Die generierten Inhalte

Abbildung 1 zeigt die generierten Inhalte. Ein 13seitiges Word-Dokument und ein Foliensatz mit 13 Folien für die Projektpräsentation.

Die beiden Dokumente können hier heruntergeladen werden:

Konsequenzen

Ich habe im Vorfeld schon gedacht/befürchtet, dass sowas funktioniert. Das hat natürlich erhebliche Auswirkungen. Meiner Ansicht nach müssen Ausbildungsinhalte und auch die Gestaltung von Prüfungen im Informatikbereich schnellstmöglich neu gedacht und verändert werden.  

Ein paar Ideen die ich dazu habe:

  • Man muss stellenweise zurück zu analogen Prüfungsmethoden („Papier und Bleistift“)
  • Das Konzept des Abschlussprojektes hat in meinen Augen keine Zukunft und keine Aussagekraft mehr. Die Idee, die ich dazu habe wäre, die Auszublidenden in der Prüfung etwas direkt programmieren zu lassen. Und dies in einer Umgebung, wo z.B. ein Rechner keinen oder nur einen begrenzten Zugang zum Internet hat (z.B. StackOverflow und W3Schools ist aufrufbar, was anderes nicht)
  • Die Prüfung würde dann ähnlich ablaufen wie auch in anderen Berufsgruppen wie z.B. im mechanischen Bereich. Hier bekommen die Auszubildenden auch eine Vorgabe und müssen dann mit Hilfer der zur Verfügung stehenden Maschinen und Werkzeuge ihr Werkstück fertigen an 1-2 Tagen.

Abschlussbemerkung

Das, was ich an einem Beispiel der dualen Fachinformatikausbildung lässt sich sicherlich auch auf Ausbildung im Rahmen eines Studiums übertragen. Ganze Abschlussarbeiten können heute generiert werden. Mir ist bewusst, dass an vielen Stellen schon ein Umdenken stattfindet, aber der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.

KI bringt erhebliche Vorteile in der Anwendung im Beruf mit sich und ich stehe da voll dahinter. Jedoch sollte man in der Ausbildungszeit die KI gar nicht oder nur sparsam einsetzen, damit man wirklich etwas lernt – auch um möglicherweise fehlerhafte Ergebnisse einer KI professionell beurteilen zu können. Es ist ähnlich gelagert wie die Frage „Warum lernt man im Elektrotechnik Studium noch Assembler?“ Fast alle werden das in der beruflichen Praxis nie wirklich einsetzen, aber es geht darum die Grundlagen und Konzepte zu verstehen, die dann dabei helfen andere Probleme zu analysieren und zu lösen.